Stadtplan Leverkusen
17.11.2017 (Quelle: Internet Initiative)
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Gedenken an die Reichskristallnacht


Dem 79. Jahrestag der Reichskristallnacht gedachten letzte Woche Oberbürgermeister Uwe Richrath, Vertreter der Religionsgemeinschaften und Bürger in einer mit Hilfe der Musikschule, der Montanus-Realschule und des Landrat-Lucas-Gymnasiums gestalteten Feierstunde am Platz der Synagoge.

Wir dokumentieren hier die Rede des Oberbürgermeisters anhand seines Manuskriptes:

"Sehr geehrter Herr Deutsch,
sehr geehrter Herr Memishi,
sehr geehrter Herr Pfarrer Sander,
sehr geehrter Herr Superintendent Loerken,
sehr geehrte Frau Pfarrerin Jetter,
sehr geehrte Mitglieder des Rats der Religionen,
liebe Mitglieder des Vereins Davidstern,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir gedenken heute des deutschlandweiten Novemberpogroms 1938. Damals wütete der Mob in ganz Deutschland gegen alles was erkennbar jüdisch war: Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und Menschen. Allein in der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden mindestens 400 jüdische Deutsche getötet oder in den Selbstmord getrieben. Über 25.000 Menschen wurden in Zusammenhang mit dem Novemberpogrom in Konzentrationslager gebracht.

An dieser Stelle wurde die kleine Opladener Synagoge verwüstet, geplündert und schließlich in Schutt und Asche gelegt.

In dieser Nacht vor fast achtzig Jahren wurde aus der Ausgrenzung jüdischer Deutscher lebensbedrohliche Gewalt. Auch hier in Opladen und im damals noch benachbarten Leverkusen. Hatten 1933 im heutigen Leverkusener Stadtgebiet noch 130 Menschen jüdischen Glaubens gelebt, gab es bei Kriegsende 1945 nur noch eine Jüdin hier in der Stadt, die sich mit der Hilfe von Nachbarn hatte verstecken können.

Schon unmittelbar mit der Machtergreifung Hitlers hatte 1933 die systematische Entrechtung begonnen. Jüdische Beamte wurden sofort entlassen. Ab 1935 wurde "nichtarischen" Ärzten die Approbation entzogen, "nichtarische" Studenten wurden von den Prüfungen ausgeschlossen, Juden war es verboten, sich als Redakteure von politischen Zeitungen zu betätigen. Auch die Nürnberger Gesetze wurden 1935 ratifiziert. Sie verboten z.B. die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden und etablierten den Begriff "Rassenschande". Jüdische Menschen galten fortan nicht mehr als Staatsbürger, sondern nur noch als "Staatsangehörige" minderen Rechts.

Ein Jahr nach dem Pogrom begann der Krieg und mit ihm ab 1941 die Deportationen, die Ghettoisierung und die Massenmorde. Nachweislich verloren 5,3 Millionen europäische Juden durch deutsche Gewalt ihr Leben, wahrscheinlich waren es eher sechs Millionen. Wir alle kennen die Aufnahmen der Leichenberge und die Bilder gerade noch überlebender, fast verhungerter Männer, Frauen und Kinder.

Es waren keine fremden Menschen, denen diese Gewalt angetan wurde, es waren Nachbarn, Lehrer, Ärzte und Schulkameraden; Mitmenschen, die wie Menschen zweiter Klasse behandelt, beraubt und schließlich ermordet wurden. Ohne die Billigung dieser Taten in weiten Teilen der Bevölkerung wäre das nicht möglich gewesen.

Die Schülerinnen und Schüler der Montanus-Realschule und des Landrat-Lucas-Gymnasiums haben sich für diesen Anlass heute mit dem Thema "Erziehung und Schule im Nationalsozialismus" beschäftigt. Ein wichtiges Thema, denn die Mechanismen, die damals wirkten, greifen auch heute noch, wenn es gilt, Menschen systematisch gegen andere aufzuhetzen.

Als hier vor 79 Jahren die kleine Synagoge Opladens erst verwüstet wurde und dann niederbrannte, wurden sogar vorbei kommende Schulkinder aufgefordert, die Synagogenfenster einzuwerfen.

Das hatte Methode. Denn wer einen Menschen dazu bringt, etwas zu tun, das eigentlich seiner Erziehung und Werten widerspricht, bringt ihn zugleich dazu, Rechtfertigungen dafür zu finden: Gründe, weshalb dieses Handeln richtig und wichtig war. Es gibt eine berühmte sozialwissenschaftliche Theorie, die nach dem zweiten Weltkrieg - auch unter dem Eindruck dieser Ereignisse - von Leon Festinger, einem amerikanischen Forscher, entwickelt wurde: Die "Theorie der kognitiven Dissonanz". Sie legt dar, wie wir Menschen unser Handeln, Denken und Fühlen in Einklang halten wollen und wie - sobald wir z.B. gezwungen sind, unseren Überzeugungen zuwiderzuhandeln - sich Denken und Fühlen dem schnell anpassen.

Die Kinder von damals sind heute Mitte achtzig; es sind die Eltern oder Großeltern der heutigen Erwachsenen. Einige leben noch und können erzählen wie es war, beim Jungvolk und später bei der Hitlerjugend zu sein, beschreiben, wie die Erziehung zu nationalsozialistischen Werten auch in den Schulen gang und gäbe war.

Liest man Abituraufsätze der damaligen Zeit, wird deutlich, wie früh das schon griff. In seinem Buch "Nie wird das deutsche Volk seinen Führer im Stich lassen" hat der Historiker Bernhard Sauer Abituraufsätze dieser Zeit veröffentlicht. Sie sprechen eine deutliche Sprache. Fragestellung war damals übrigens: "Was hat Hitler für das Deutsche Volk geleistet?". Dazu heißt es in einem Aufsatz von 1934: "Nach dem Sturz der Novemberverbrecher wurde sehr gründlich alles gereinigt und ausgeschwefelt." Und weiter: "Die altgermanischen Ideale, Führer und Gefolgschaft, werden wieder Geltung bekommen. Deshalb wird die Jugenderziehung auch andere Bahnen gehen. Es kommt nicht so sehr auf wissenschaftliche Bildung als auf gesunden Körper und Charakter an." Wie Charakter im nationalsozialistischen Kontext verstanden wurde, wird später im selben Aufsatz klar: "Das Leben bedeutet Kampf, und wenn wir unserem Volk zum Aufstieg verhelfen wollen, so geschieht das nicht an dem grünen Tisch in Genf, sondern nur mit dem Schwert in der Hand." In einem anderem Aufsatz zum gleichen Thema erfährt das noch eine weitere Zuspitzung: "Auch auf unser Leben dürfen wir keinerlei Rücksicht nehmen; so lange Menschen denken, war es höchstes Glück eines jeden, für sein Vaterland freudig zu sterben."

Erziehung im Nationalsozialismus heiß also in weiten Teilen: Erziehung zur Unbarmherzigkeit gegen andere, aber auch sich selbst gegenüber. Die heroische Verbrämung dieser Weltanschauung diente wohl auch dazu, das eigene Selbstbild zu schützen. Denn wer möchte sich selbst schon als Mörder betrachten?

Wir versammeln uns an dieser Stelle in Opladen, weil uns die Ereignisse damals als Mahnung vor Augen stehen müssen. Wir Deutschen haben erlebt, wie Menschen zu Unmenschen gemacht werden. Heute vor fast 80 Jahren brannte hier nicht nur ein Gebäude - hier ging auch eine zivilisierte Welt zu Bruch.

Auch, wenn es inzwischen nicht mehr so viele Deutsche gibt, die diese Zeit miterlebt haben: Dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte geht uns bis heute etwas an. Denn es waren Menschen wie wir, die aufgehetzt und verführt, aber auch eingeschüchtert und bedroht wurden. Unsere Großeltern haben Hitlers Partei damals gewählt, es waren Politiker, die ihn unterschätzten und zuließen, dass Hindenburg ihn zum Reichskanzler machte und es waren nicht nur Abgeordnete der NSDAP, die für Hitlers Ermächtigungsgesetze stimmten und damit billigten, dass damit die Verfassung außer Kraft gesetzt und die Gewaltenteilung abgeschafft wurde.

Eine Demokratie kann also mit demokratischen Mitteln abgeschafft werden. Das ist die zweite Lehre, die wir aus dem Dritten Reich ziehen müssen. Auch wenn wir fast alle schon darin aufgewachsen sind: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind keine Selbstverständlichkeiten. Deshalb müssen wir uns mit allen auseinandersetzen, die beides für verzichtbar halten. Denn davon gibt es auch heute nicht wenige - ja, man hat den Eindruck es werden immer mehr.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es viele unterschiedliche Lebensweisen gibt. Das allein zeigt doch, dass unser System funktioniert. Diese freiheitliche Gesellschaft setzt aber hohe Kompetenz voraus. Vor allem die Fähigkeit, Widersprüche und Widerspruch zu ertragen; zu ertragen, dass andere Menschen nun mal anders sind, anders denken, anders aussehen, andere Bedürfnisse haben - und für das Zusammenleben miteinander immer wieder Kompromisse verhandelt werden müssen.

Wir müssen deshalb anfangen einzustehen für die grundlegenden Werte, die wir uns 1949 ins Grundgesetz geschrieben haben: Die Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt, die Freiheitsrechte, die Gleichheit vor dem Gesetz und vieles mehr.

Wie schnell alle Dämme brechen, wenn das nicht mehr gilt, zeigt uns auch dieser Tag.

Die Schülerinnen und Schüler des Landrat-Lucas-Gymnasiums und die Schülerinnen und Schüler der Montanus-Realschule haben sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt und eigene Beiträge vorbereitet. Dafür danke ich ihnen sehr.

Doch zunächst wird jetzt Benjamin Deutsch, der Repräsentant der Synagogengemeinschaft Düsseldorf, das Gebet "El Male Rachamim" vortragen. Da es sich um ein Gebet handelt: Bitte applaudieren Sie nicht, sondern lassen Sie die Stimmung in sich nachklingen."


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Letzte Änderung am 17.11.2017 19:29 von leverkusen.
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