Stadtplan Leverkusen
23.03.2017 (Quelle: TSV Bayer 04)
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Michel Frauen: „Möchte mein Wissen weitergeben“


Michel Frauen (TSV Bayer 04 Leverkusen), Stabhochspringer mit einer Bestleistung von 5,55 Metern, hat im September letzten Jahres beim Domspringen in Aachen seine aktive Laufbahn beendet. Er bleibt aber Organisator der Leverkusener Stabhochsprung Classics und betreibt neuerdings auch ein Online-Portal für Stabhochspringer. Im Interview spricht der 31-Jährige zudem über ein Jahrzehnt Leistungssport, Multi-Jobbing - und seine Tätigkeit als Golfballtaucher.

Michel Frauen, als Aktiver haben Sie den Stab in die Ecke gestellt, bleiben Ihrer Disziplin aber verbunden - unter anderem als Betreiber einer neuen Internetseite speziell fürs Stabhochspringen. Was war Auslöser?
Michel Frauen:
Ich bin einfach noch so verliebt in den Stabhochsprung. Schon vor eineinhalb Jahren habe ich begonnen, Stabhochsprungstäbe zu vertreiben. In diesem Zusammenhang habe ich bemerkt, dass bei Trainern und Athleten ein riesiger Informationsbedarf besteht. Diesen versuche ich mit der Homepage zu decken. Sie ist über zwei Adressen erreichbar: Stabhochsprung.de beziehungsweise Sixmeterhigh.com.

Warum haben Sie diese absolute Weltklassehöhe als Domain gewählt?
Michel Frauen:
Natürlich spielt der Name auf die magische Sechs-Meter-Höhe an. Jeder Stabhochspringer träumt wohl davon, einmal sechs Meter zu springen, weil das nach wie vor eine Höhe ist, bei der sich die Besten der Besten einordnen. Bei den Frauen ist es entsprechend die Fünf-Meter-Marke. Aber die Seite richtet sich nicht nur an Profis. Gerade beim Nachwuchs und Nicht-Leistungssportlern herrscht Informationsbedarf. Ich bin froh, dass ich über die Seite Wissen weitergeben kann, das wir im Leistungssport über Jahrzehnte gesammelt haben.

Welchen Stellenwert hat die auf der Seite verankerte Video-Datenbank „Learning by Viewing“?
Michel Frauen:
Da kann man sich anschauen, wie Top-Springer springen, welche Varianz es in der Technik gibt, welche verschiedenen Technik-Muster es gibt, um erfolgreich zu sein. So können die jungen Springer einen Abgleich schaffen mit ihrem Technikstand. Man kann darin stöbern, aber auch sehr viel dabei lernen, wenn man die Techniken studiert. Deshalb sind die Aufnahmen alle auch zusätzlich in Zeitlupe dargestellt, so dass man im Detail sehen kann, was der Profi im Einzelnen macht. Ich habe die Sprünge kategorisiert nach verschiedenen Sprunghöhen. Allerdings ist die Datenbank noch im Aufbau. Es sollen noch deutlich mehr Videos werden.

Es handelt sich dabei nicht nur um Wettkampfsprünge, sondern auch um spezielle Übungen zum Erlernen der Technik.
Michel Frauen:
Stabhochsprung ist sehr komplex. Wir brauchen vom Anlauf bis zur Lattenüberquerung viele verschiedene Komponenten. Die habe ich versucht in verschiedenen Übungen und Rubriken darzustellen, ob das nun verschiedene Übungen zur Anlaufgestaltung und zur Geschwindigkeitserhöhung sind oder auch turnerische Komponenten, die im Stabhochsprung sehr wichtig sind.

Wo kommen die Videos her?
Michel Frauen:
Sie stammen größtenteils aus einem Fundus der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Wir haben sie im Training bei verschiedenen Trainern begleitend aufgenommen oder bei Wettkämpfen. Teils sind es auch eigene Aufnahmen, die ich jetzt noch erstelle von Übungen, die meiner Meinung nach besonders interessant und wichtig sind.

Können auch User ihre Sprünge einstellen?
Michel Frauen:
Mit diesem Ansatz habe ich ein Forum eingerichtet, bei dem sich noch zeigen muss, wie es angenommen wird. Da können sich User untereinander austauschen. Sie haben die Möglichkeit, eigene Videos hochzuladen von ihrem Sprung oder ihrer Übung und zu fragen: Was denkt die Community darüber?

Aktuell auf dem Laufenden bleiben Stabhochsprung-Fans in der Rubrik News.
Michel Frauen:
Das hat durchaus einen journalistischen Ansatz. Allerdings macht diese Rubrik nicht die Kernkompetenz der Seite aus. Der Schwerpunkt liegt auf einer Wissensvermittlung und einem Austausch. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich in der News-Rubrik interessante Neuigkeiten und Insider-Informationen aus der Welt des Stabhochsprungs zu veröffentlichen.

Im Shop gibt’s unter anderem Stäbe, Matten, Ständer und Latten, aber auch andere Sportgeräte. Und bald auch Stabstopfen aus eigener Produktion. Finanziert sich das Projekt darüber?
Michel Frauen:
Die Seite ist für jedermann frei zugänglich, es wird für keinen der Inhalte etwas berechnet, was ich auch für sehr wichtig halte. Es ist ein Shop angebunden, in dem der Interessierte jegliches Zubehör für den Stabhochsprung und die Leichtathletik findet.

Eine Rubrik heißt „Termine zum Mitmachen und Zuschauen“. Dazu zählen auch die Stabhochsprung-Classics, deren Meeting-Direktor Sie sind. Wurde der Termin 27.Juli - ein Donnerstagabend - zehn Tage vor der WM bewusst gewählt?
Michel Frauen:
Einerseits haben wir uns für diesen Termin entschieden, weil der Wochentag in den vergangenen Jahren mit am besten funktioniert hat, am meisten Zuschauer angezogen hat. Als bedeutendes Meeting positionieren wir uns zehn Tage vor der WM glaube ich ganz gut als letzte Standortbestimmung, als letzten Fingerzeig. Wir haben keine nennenswerte Konkurrenzveranstaltung, womit die Chancen sehr gut sind, dass wir wie in den vergangenen Jahren Weltklasse-Athleten begrüßen dürfen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Classics von der Premiere 2010 bis zur siebten Auflage im letzten Jahr?
Michel Frauen:
Wir sind als besseres Grillfest gestartet, haben aber schon im zweiten Jahr relativ professionell gearbeitet, was die Rahmenbedingungen betrifft. Wir haben das Glück gehabt, dass von Anfang an Top-Athleten dabei waren wie zum Beispiel Steve Hooker, der die Veranstaltung als teilnehmender Athlet mit aus der Taufe gehoben hat. Das hat der Veranstaltung von Anfang an einen Stempel verpasst, was sich in den letzten Jahren fortgesetzt hat. Wir haben Raphael Holzdeppe hier gesehen bei seinem ersten Wettkampf nach seinem Weltmeister-Titel, was viele Zuschauer angelockt hat. Später haben wir den kommenden Weltmeister gesehen, dann den amtierenden Weltmeister und im letzten Jahr sogar den späteren Olympiasieger. Da können wir nicht klagen. Die Leistungen zeigen, dass das Meeting mit allem drum und dran Höchstleistungen fördert.
Im letzten Jahr haben sich zwei Athleten an der Sechs-Meter-Marke versucht. Das war schon beeindruckend. Ich hoffe, dass diese Marke in den nächsten Jahren geknackt wird.

Entstanden sind die Classics nach dem Aus des traditionsreichen Bayer-Meetings.
Michel Frauen:
Wir haben sehr bedauert, dass das Bayer-Meeting weggefallen ist. Es war die einzige Möglichkeit, sich vor breiterem Publikum am Standort Leverkusen zu präsentieren. Als Stabhochsprung-Hochburg in Deutschland haben wir gesagt: Es ist traurig, dass es vor heimischem Publikum keinen professionellen Wettkampf mehr gibt. Wir waren uns schnell einig: Wenn wir das Voll-Meeting nicht mehr realisieren können, brauchen wir zumindest aber ein Spezial-Meeting. Ähnliche Ansätze hatte ja auch Steffi Nerius mit dem Nerius-Cup für Speerwerfer. Ich hoffe, dass wir in einer anderen Disziplin so etwas vielleicht auch noch hinkriegen.

Was hat es mit Ihrem Projekt „Watercaddie“ auf sich?
Michel Frauen:
Vor zweieinhalb Jahren habe ich mir Gedanken gemacht, wie meine berufliche Zukunft aussehen könnte oder wie ich mich generell finanziere als Leistungssportler. Da bin ich auf die Idee gestoßen, Golfbälle aus den Wasserhindernissen der Golfplätze zu bergen. Die Voraussetzungen brachte ich mit. Ich habe es probiert und wie sich zeigt, ist es ein lukratives Geschäft.

Sie tauchen mit kompletter Montur, also auch Sauerstoffflaschen in den Tümpeln und suchen nach Golfbällen?
Michel Frauen:
Vor meiner Brust habe ich ein relativ großes Netz montiert, in das ich die Bälle lege, bis ich sie an die Wasseroberfläche bringe. Unter Wasser hat man null Sicht, weil die Gewässer sehr trübe und schlammig sind. Von daher brauche ich beide Hände zum Ertasten der Bälle.

Wie viele Bälle kommen bei einem Tauchgang zusammen?
Michel Frauen:
Das hängt unter anderem von der Lage des Gewässers ab, ob dort lange nicht getaucht wurde und wie stark der Golfplatz frequentiert ist. Da können durchaus pro Tag Ballmengen im vierstelligen Bereich zusammenkommen.

Sie säubern die Bälle mit einem Spezialreiniger und verkaufen sie dann quasi als B-Ware?
Michel Frauen:
Teilweise kann man gar nicht von B-Ware sprechen, weil die Bälle nur einmal geschlagen wurden und dann im Wasser gelandet sind. Entsprechend aufbereitet sind sie von einem neuen Ball kaum zu unterscheiden. Aber es sind auch Bälle dabei, die stärker beansprucht wurden und denen man ansieht, dass sie gebraucht sind. Die werden entsprechend günstiger angeboten. Wenn man passionierter Golfer ist, kann sich das übers Jahr summieren. Da lohnt es sich im Vergleich zum Neukauf schon, wenn man zu einem gebrauchten Lakeball greift.

Haben Sie mit dem Leistungssport aufgehört, weil bei so vielen Aktivitäten keine Zeit mehr fürs Training blieb?
Michel Frauen:
Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Man darf nicht unterschätzen, wie viel Zeit der Aufbau eines eigenen Unternehmens beansprucht. Aber es kam auch mein Alter hinzu. Ich bin jetzt 31. Ich habe in frühen Kindertagen schon angefangen mit dem leistungsbezogenen Turnen und dann mehr als ein Jahrzehnt Stabhochsprung betrieben. Ohne nennenswerte Verletzungen habe ich immer durchtrainiert. Irgendwann ist der Körper doch müde, da reichen dann auch zwei, drei Wochen Erholung nicht mehr aus. Da bin ich einfach an meine Grenzen gestoßen und habe gemerkt: Es wird sehr schwer, mein Leistungsniveau zu halten. Ich hatte immer den Anspruch, weiterzumachen, wenn ich um die 5,50 Meter springen kann. Als absehbar war, dass das in Zukunft nicht mehr so einfach zu realisieren ist, habe ich die Entscheidung getroffen aufzuhören. Ich kann gut damit leben.


Bilder, die sich auf Michel Frauen: „Möchte mein Wissen weitergeben“ beziehen:
21.03.2017: Michel Frauen

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Letzte Änderung am 23.03.2017 12:36 von leverkusen.
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